Ein vollständiger Übungsfall für die Fachsprachprüfung: 38 Gesprächszüge im Anamnesegespräch, die Vorstellung vor der Kommission, 15 Prüferfragen und 55 Fachbegriffe. Hier die ersten Abschnitte zum Ausprobieren.
Teil 1: Anamnesegespräch
Links fragt die Ärztin, rechts antwortet der Patient. Darunter steht, was davon in den Anamnesebogen gehört.
Personalien
Ärztin/ArztGuten Tag, mein Name ist Dr. Sahin, ich bin Ärztin hier in der Notaufnahme. Wie heißen Sie bitte mit vollem Namen?
Patient/inAlexa Kirchhoff. Mir ist noch ganz komisch im Kopf.
Alexa Kirchhoff, postiktale Benommenheit
Die Benommenheit nach dem Anfall ist ein Befund. Halten Sie sie fest und passen Sie das Tempo Ihrer Fragen an.
Ärztin/ArztDas ist nach so einem Ereignis normal. Wann sind Sie geboren?
Patient/inAm 9. März 1974.
geb. 09.03.1974, 50 Jahre
Ärztin/ArztWie groß sind Sie und wie viel wiegen Sie?
Patient/in1,76 m und 70 Kilo.
1,76 m, 70 kg (BMI 22,6 kg/m²)
Aktuelle Anamnese
Ärztin/ArztWas ist heute passiert?
Patient/inIch war bei der Arbeit und saß am Tisch. Dann weiß ich nichts mehr. Meine Kolleginnen sagen, ich hätte gezuckt und sei vom Stuhl gerutscht.
Aufnahmegrund: Krampfanfall bei der Arbeit mit Amnesie für das Ereignis, fremdanamnestisch beobachtet
Wenn der Patient das Ereignis nicht erinnert, ist die Fremdanamnese die eigentliche Anamnese. Sagen Sie, dass Sie die Kolleginnen befragen werden — das erwartet die Kommission.
Ärztin/ArztWas genau haben Ihre Kolleginnen beschrieben?
Patient/inDass ich am ganzen Körper gezuckt habe, etwa eine Minute lang. Danach lag ich fünf Minuten da und war nicht ansprechbar.
fremdanamnestisch generalisierte Konvulsionen ca. 1 min, anschließend Bewusstlosigkeit ca. 5 min
Dauer der Konvulsionen und Dauer der Bewusstlosigkeit getrennt erfragen. Beides zusammen unterscheidet den Anfall von der Synkope.
Ärztin/ArztGab es etwas, das Sie vor dem Anfall gespürt haben — ein komisches Gefühl, ein Geruch, Übelkeit, Lichtblitze?
Patient/inNein, gar nichts. Es war plötzlich weg.
keine Aura
Die Frage nach der Aura zielt auf einen fokalen Beginn. Fragen Sie mit konkreten Beispielen — „komisches Gefühl im Bauch“, „Geruch“ —, sonst verneinen Patienten pauschal.
Ärztin/ArztHaben Sie sich auf die Zunge gebissen?
Patient/inJa, seitlich. Es tut weh und hat geblutet.
lateraler Zungenbiss
Der seitliche Zungenbiss ist deutlich spezifischer für einen epileptischen Anfall als ein Biss an der Zungenspitze. Fragen Sie nach der Stelle, nicht nur nach dem Biss.
Ärztin/ArztIst Urin abgegangen?
Patient/inJa. Das war mir sehr unangenehm.
Urininkontinenz während des Anfalls
Peinlich besetzte Angaben ruhig und ohne Kommentar aufnehmen. Ein kurzer Satz — „das kommt bei so einem Anfall häufig vor“ — nimmt der Patientin viel.
Ärztin/ArztDas kommt bei einem solchen Anfall häufig vor, dafür müssen Sie sich nicht schämen. Wie ging es Ihnen danach?
Patient/inVerwirrt. Ich wusste nicht, wo ich bin. Und ich war furchtbar müde, das bin ich immer noch.
postiktale Verwirrtheit und Müdigkeit, anhaltend
Die postiktale Phase ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal: Nach einer Synkope ist der Patient rasch wieder orientiert, nach einem Anfall nicht.
Ärztin/ArztHaben Sie sich verletzt?
Patient/inDie rechte Schulter tut weh. Und der Zungenbiss.
Schulterschmerz rechts, Zungenbissverletzung
Schulterschmerz nach einem Krampfanfall ist verdächtig auf eine hintere Schulterluxation — eine seltene, aber typische Anfallsverletzung. Untersuchen Sie die Schulter.
Ärztin/ArztKönnen Sie den Arm normal bewegen?
Patient/inHeben tut weh, aber es geht.
Beweglichkeit eingeschränkt, aber erhalten
Ärztin/ArztHatten Sie so etwas schon einmal?
Patient/inNie. Das war das erste Mal.
Erstereignis
Ein erster Anfall ist noch keine Epilepsie. Diese Unterscheidung müssen Sie in der Vorstellung ausdrücklich treffen.
Ärztin/ArztSind Ihnen morgens schon einmal Muskelzuckungen aufgefallen, oder haben Sie Momente, in denen Sie kurz abwesend sind?
Patient/inNein, nichts dergleichen.
keine Myoklonien, keine Absencen anamnestisch
Diese Frage sucht nach früheren, unbemerkten Anfällen. Sie entscheidet mit darüber, ob es wirklich ein Erstereignis war.
Ärztin/ArztWie war die letzte Nacht? Haben Sie geschlafen?
Patient/inSchlecht. Ich schlafe seit zwei Wochen kaum, wegen Stress in der Kita.
Schlafmangel seit 2 Wochen, stressbedingt — möglicher Provokationsfaktor
Schlafmangel ist der häufigste Provokationsfaktor überhaupt. Fragen Sie ihn immer ab — er unterscheidet den provozierten vom unprovozierten Anfall.
Ärztin/ArztHaben Sie Alkohol getrunken oder etwas abgesetzt?
Patient/inAm Wochenende zwei Gläser Wein, wie immer. Sonst nichts.
kein Alkoholexzess, kein Entzug
Ärztin/ArztHatten Sie Fieber, Kopfschmerzen oder einen Infekt?
Patient/inNein. Ich bin nur oft erkältet, aber im Moment nicht.
Fieber, Cephalgie und Infekt verneint
Damit grenzen Sie Meningitis und Enzephalitis ab — beide können sich mit einem Erstanfall zeigen und sind Notfälle.
Patient/inHabe ich jetzt Epilepsie? Und darf ich noch Auto fahren? Ich brauche das für die Arbeit.
Ärztin/ArztZwei wichtige Fragen. Zum Ersten: Ein einzelner Anfall bedeutet noch nicht, dass Sie Epilepsie haben — dazu braucht es entweder wiederholte Anfälle oder Befunde, die ein hohes Wiederholungsrisiko zeigen. Genau das klären wir jetzt mit EEG, Kernspin und Blutuntersuchungen. Zum Zweiten, und da muss ich klar sein: Bis das geklärt ist, dürfen Sie nicht am Straßenverkehr teilnehmen. Ein weiterer Anfall am Steuer würde Sie und andere gefährden. Wie lange das gilt, richtet sich nach den Befunden und danach, ob eine Ursache gefunden wird; das bespricht die Neurologie mit Ihnen. Ich kläre Sie darüber auf und halte es schriftlich fest.
Beide Fragen getrennt beantworten. Beim Fahren keine Zahl nennen, die Sie nicht belegen können — aber unmissverständlich sein. Aufklären und dokumentieren ist die ärztliche Aufgabe; die Entscheidung über die Fahrerlaubnis trifft die Behörde.
Weiter im Gespräch (in der App):
Vegetative Anamnese (3 Gesprächszüge)
Gynäkologische Anamnese (2 Gesprächszüge)
Vorerkrankungen (4 Gesprächszüge)
Voroperationen (1 Gesprächszüge)
Medikamente (2 Gesprächszüge)
Allergien (1 Gesprächszüge)
Noxen (3 Gesprächszüge)
Familienanamnese (2 Gesprächszüge)
Sozialanamnese (3 Gesprächszüge)
Teil 2: Patientenvorstellung
Vorstellung der Patientin
Ich stelle Ihnen Frau Alexa Kirchhoff vor, eine 50-jährige Patientin, 1,76 m groß und 70 kg schwer, bei einem BMI von 22,6 kg/m². Sie wurde heute Vormittag mit dem Rettungswagen von ihrem Arbeitsplatz in unsere Notaufnahme gebracht. Die Angaben zum Ereignis selbst sind fremdanamnestisch, da die Patientin eine Amnesie für den Vorfall hat.
Wenn die Angaben fremdanamnestisch sind, sagen Sie das gleich zu Beginn. Das ist keine Schwäche der Anamnese, sondern ihre korrekte Kennzeichnung.
In der App folgen: Aktuelle Anamnese · Vorgeschichte · Verdachtsdiagnose · Differentialdiagnosen · Diagnostik · Therapie.
Teil 3: Prüferfragen
Wann sprechen Sie von einer Epilepsie?
Ein einzelner Anfall ist noch keine Epilepsie. Eine Epilepsie liegt vor, wenn eines von drei Kriterien erfüllt ist: mindestens zwei unprovozierte Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden; ein unprovozierter Anfall bei einem Rezidivrisiko von mindestens 60 % über die nächsten zehn Jahre — etwa bei epilepsietypischen Potentialen im EEG oder einer passenden strukturellen Läsion; oder die Diagnose eines Epilepsiesyndroms. Davon abzugrenzen sind provozierte oder akut symptomatische Anfälle, die durch einen akuten Auslöser wie Hypoglykämie, Elektrolytstörung, Alkoholentzug oder eine akute Hirnschädigung bedingt sind — sie begründen keine Epilepsie.
Diese Unterscheidung ist der Kern des Falls und die wahrscheinlichste erste Frage. Beantworten Sie sie präzise.
Wie teilen Sie epileptische Anfälle ein?
Nach dem Beginn: fokal — mit Ursprung in einer umschriebenen Region einer Hemisphäre —, generalisiert von Beginn an, oder unbekannter Beginn. Fokale Anfälle werden weiter unterteilt in solche mit erhaltenem und mit gestörtem Bewusstsein sowie danach, ob sie motorisch oder nicht motorisch beginnen; ein fokaler Anfall kann in einen bilateral tonisch-klonischen Anfall übergehen. Zu den generalisierten Anfällen zählen der tonisch-klonische Anfall, die Absence, der myoklonische, der atonische und der tonische Anfall.
Die Begriffe „einfach“ und „komplex partiell“ sind veraltet. Wer sie verwendet, zeigt, dass er mit alten Quellen gelernt hat.
Wie unterscheiden Sie einen Anfall von einer Synkope?
Für den epileptischen Anfall sprechen: Aura, lateraler Zungenbiss, Urininkontinenz, eine Dauer der Konvulsionen von ein bis zwei Minuten, ein zyanotisches Gesicht, eine ausgeprägte postiktale Phase mit Verwirrtheit und Müdigkeit über Minuten bis Stunden sowie eine Amnesie. Für die Synkope sprechen: Prodromi wie Schwarzwerden vor Augen, Übelkeit und Schwitzen, ein auslösender Faktor wie langes Stehen, Schmerz oder Miktion, Blässe, eine sehr kurze Bewusstlosigkeit von Sekunden und eine rasche, vollständige Reorientierung. Wichtig: Auch bei einer Synkope können durch zerebrale Minderperfusion kurze Zuckungen auftreten — die konvulsive Synkope; entscheidend ist dann die kurze Dauer und die schnelle Reorientierung.
Die konvulsive Synkope ist die klassische Verwechslung. Wer sie nennt und abgrenzt, zeigt echtes Verständnis.
Weitere Fragen der Kommission zu diesem Fall (Antworten in der App):
Warum fragen Sie nach dem seitlichen Zungenbiss?
Was ist ein Status epilepticus?
Was raten Sie den Angehörigen für den Fall eines erneuten Anfalls?
Welchen Wert hat das EEG?
Warum schreiben Sie ein EKG?
Wann beginnen Sie eine Dauertherapie?
Welche Antiepileptika kennen Sie, und worauf achten Sie bei dieser Patientin?
Wie gehen Sie mit der Frage der Fahreignung um?
Welche Sicherheitshinweise geben Sie im Alltag?
Die Patientin ist Erzieherin. Welche Bedeutung hat das?
Welche Ursachen eines Erstanfalls im Erwachsenenalter kennen Sie?
Wie erklären Sie der Patientin, was in ihrem Gehirn passiert ist?
Teil 4: Fachbegriffe zu diesem Fall
Deutsch
Fachsprache
Bereich
Krampfanfall
epileptischer Anfall
Diagnose
Anfallsleiden
Epilepsie
Diagnose
Krämpfe
Konvulsionen
Symptom
anhaltender Krampfanfall
Status epilepticus
Diagnose
Vorgefühl vor dem Anfall
Aura
Symptom
Anspannungsphase des Anfalls
tonische Phase
Befund
Zuckungsphase des Anfalls
klonische Phase
Befund
Zustand nach dem Anfall
postiktal
Befund
kurze Bewusstseinspause
Absence
Diagnose
Muskelzuckung
Myoklonie
Symptom
vorübergehende Lähmung nach dem Anfall
Todd-Parese
Befund
Gedächtnisverlust
Amnesie
Symptom
kurze Bewusstlosigkeit
Synkope
Symptom
Vorboten der Ohnmacht
Prodromi
Symptom
unfreiwilliger Harnabgang
Inkontinenz
Symptom
Zungenbiss
Zungenbiss
Befund
Blaufärbung von Haut und Schleimhaut
Zyanose
Befund
Blässe
Pallor
Befund
Verwirrtheit
Desorientiertheit
Befund
nicht epileptischer Anfall psychischer Ursache
psychogener nichtepileptischer Anfall
Diagnose
Großhirnhälfte
Hemisphäre
Anatomie
Hirnrinde
Cortex cerebri
Anatomie
Schläfenlappen
Lobus temporalis
Anatomie
Nervenzelle
Neuron
Anatomie
Hirnhaut
Meninx
Anatomie
Hirnhautentzündung
Meningitis
Diagnose
Gehirnentzündung
Enzephalitis
Diagnose
Unterzuckerung
Hypoglykämie
Diagnose
Natriummangel im Blut
Hyponatriämie
Diagnose
Kalziummangel im Blut
Hypokalzämie
Diagnose
Vergiftung
Intoxikation
Diagnose
Entzugserscheinungen
Entzugssyndrom
Diagnose
Hirnstrommessung
Elektroenzephalographie (EEG)
Untersuchung
Ableitung nach Schlafentzug
Schlafentzugs-EEG
Untersuchung
anfallstypische Auffälligkeit im EEG
epilepsietypisches Potential
Befund
Kernspintomographie
Magnetresonanztomographie (MRT)
Untersuchung
Schädel-Computertomographie
kraniale Computertomographie (CCT)
Untersuchung
Kreuzstich zur Hirnwasserentnahme
Lumbalpunktion
Untersuchung
Muskelenzym im Blut
Kreatinkinase (CK)
Befund
Test auf Suchtstoffe
Toxikologiescreening
Untersuchung
Mittel gegen Krampfanfälle
Antiepileptikum, Antikonvulsivum
Pharmakologie
Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine
Benzodiazepin
Pharmakologie
fruchtschädigend
teratogen
Pharmakologie
Verstärkung des Arzneimittelabbaus in der Leber
Enzyminduktion
Pharmakologie
Mittel gegen die Empfängnis
Kontrazeptivum
Pharmakologie
Schwelle, ab der ein Anfall ausgelöst wird
Krampfschwelle
Befund
auslösender Faktor
Provokationsfaktor
Befund
Wiederauftreten
Rezidiv
Befund
stabile Seitenlage
stabile Seitenlage
Therapie
Verrenkung
Luxation
Diagnose
Schweigepflicht
ärztliche Schweigepflicht
Kommunikation
Eignung zum Führen eines Kraftfahrzeugs
Fahreignung
Kommunikation
Betriebsarzt
Arbeitsmediziner
Kommunikation
schrittweise Rückkehr in den Beruf
stufenweise Wiedereingliederung
Kommunikation
überschießende allergische Sofortreaktion
Anaphylaxie
Diagnose
FSP Niedersachsen
Den ganzen Fall und alle weiteren gibt es in der App. Die App für die Fachsprachprüfung in Niedersachsen (Hannover): das Anamnesegespräch mit dem Anamnesebogen daneben, die Patientenvorstellung Block für Block, die Prüferfragen mit kurzen mündlichen Antworten und alle Fachbegriffe in beide Richtungen. Vollständig offline, ohne Konto, Einmalkauf ohne Abo.