Ein vollständiger Übungsfall für die Fachsprachprüfung: 37 Gesprächszüge im Anamnesegespräch, die Vorstellung vor der Kommission, 15 Prüferfragen und 54 Fachbegriffe. Hier die ersten Abschnitte zum Ausprobieren.
Teil 1: Anamnesegespräch
Links fragt die Ärztin, rechts antwortet der Patient. Darunter steht, was davon in den Anamnesebogen gehört.
Personalien
Ärztin/ArztGuten Tag, mein Name ist Dr. Sahin, ich bin Ärztin hier in der Notaufnahme. Wie heißen Sie bitte mit vollem Namen?
Patient/inSven Kordes.
Sven Kordes
Bei einem Patienten aus schwierigen Verhältnissen zählt der ruhige, gleichbleibend höfliche Ton von der ersten Sekunde an. Die Kommission achtet genau darauf.
Ärztin/ArztKönnen Sie mir den Nachnamen bitte buchstabieren?
Patient/inK-O-R-D-E-S.
Schreibweise bestätigt: Kordes
Buchstabieren lassen ist erlaubt und zeigt Sorgfalt. Zweimal nachfragen ist besser als ein falscher Name im Arztbrief.
Ärztin/ArztWann sind Sie geboren?
Patient/in12. September 1978.
geb. 12.09.1978, 46 Jahre
Ärztin/ArztWie groß sind Sie und wie viel wiegen Sie?
Patient/in1,80 m. Gewicht — keine Ahnung, ich habe abgenommen. Vielleicht 62.
1,80 m, ca. 62 kg (BMI ca. 19,1 kg/m²), ungewollte Gewichtsabnahme
Wenn der Patient sein Gewicht nicht kennt, halten Sie das so fest und kündigen Sie an, es bei der Untersuchung nachzuholen. Ein geschätzter Wert mit Kennzeichnung ist besser als eine Lücke.
Aktuelle Anamnese
Ärztin/ArztWas führt Sie zu uns?
Patient/inIch habe seit einer Woche hohes Fieber. Und der Arm ist entzündet, hier in der Ellenbeuge.
Aufnahmegrund: Fieber seit 1 Woche, Entzündung der linken Ellenbeuge
Fieber plus Weichteilinfekt plus Drogenanamnese ist in Hannover die Standardkonstellation dieses Falls. Denken Sie ab dem ersten Satz an das Herz.
Ärztin/ArztWie hoch war das Fieber, und haben Sie gemessen?
Patient/inGemessen hat es die Schwester in der Notunterkunft. Erst 38, gestern 40.
Pyrexie initial 38 °C, seit gestern 40 °C — progredient
Der Verlauf des Fiebers ist wichtiger als der Spitzenwert. Und halten Sie fest, wer gemessen hat.
Ärztin/ArztHatten Sie Schüttelfrost?
Patient/inJa, mehrmals. Da klappern die Zähne richtig.
Schüttelfrost rezidivierend
Schüttelfrost weist auf eine Bakteriämie hin. Das ist der Befund, der Sie von einer bloßen Wundinfektion zur Endokarditis führt.
Ärztin/ArztErzählen Sie mir von der Ellenbeuge — seit wann, und wie hat es angefangen?
Patient/inSeit vier Tagen. Das ist die Stelle, wo ich mir gedrückt habe. Das ist heiß, rot und geschwollen, und es tut weh.
Abszess linke Ellenbeuge seit 4 d an einer Injektionsstelle, mit Rubor, Calor, Tumor, Dolor
Der Patient nennt den intravenösen Konsum von selbst. Nehmen Sie das sachlich auf, ohne zu werten — und fragen Sie an dieser Stelle gleich die ganze Drogenanamnese ab.
Ärztin/ArztIst Ihnen an den Händen oder Fingern etwas aufgefallen?
Patient/inJa, hier — rote Flecken an den Handflächen. Die tun nicht weh. Und unter den Nägeln sind so dunkle Striche.
Diese beiden Befunde sind der Schlüssel des Falls. Nennen Sie sie in der Vorstellung mit Namen — die Kommission wartet darauf.
Ärztin/ArztHaben Sie auch schmerzhafte Knötchen an den Fingerkuppen?
Patient/inJa, an zwei Fingern. Die drücken richtig.
Osler-Knötchen (schmerzhaft) an den Fingerkuppen
Merkhilfe: Osler ist ouch — schmerzhaft. Janeway ist schmerzlos. Diese Unterscheidung wird gern abgefragt.
Ärztin/ArztBekommen Sie schlecht Luft, besonders bei Anstrengung?
Patient/inWenn ich die Treppe hochgehe, ja. Das war früher nicht so.
Belastungsdyspnoe, neu aufgetreten
Neue Luftnot bei Fieber und Herzgeräusch spricht für eine Klappenschädigung mit beginnender Herzinsuffizienz.
Ärztin/ArztHaben Sie Schmerzen in der Brust oder Herzstolpern?
Patient/inNein.
Thoraxschmerz und Palpitationen verneint
Ärztin/ArztHusten Sie? Wenn ja, kommt etwas hoch?
Patient/inEin bisschen, ja. Grünlich.
produktiver Husten mit purulentem Sputum
Bei einer Rechtsherzendokarditis sind septische Lungenembolien häufig. Fragen Sie deshalb bei diesem Fall immer nach pulmonalen Symptomen.
Ärztin/ArztHaben Sie Kopfschmerzen, oder ist Ihnen etwas an Gelenken oder Muskeln aufgefallen?
Patient/inKopfschmerzen ja. Und alle Gelenke tun weh, wie bei einer Grippe.
Cephalgie, Arthralgien, Myalgien
Ärztin/ArztHaben Sie etwas gegen das Fieber genommen?
Patient/inParacetamol, was ich kriegen konnte. Hat kaum was gebracht.
Paracetamol ohne wesentliche Besserung
Patient/inSagen Sie mal ehrlich — behandeln Sie mich hier überhaupt richtig? Ich bin ja bloß der Junkie von der Straße.
Ärztin/ArztSie bekommen bei uns dieselbe Behandlung wie jeder andere Patient. Ihre Erkrankung ist ernst, und deshalb behandeln wir sie ernsthaft. Ich brauche dafür Ihre offenen Antworten, so wie Sie es bisher gemacht haben — das hilft mir mehr als alles andere.
Diese Frage kommt in Hannover in verschiedenen Formen. Nicht beschwichtigen, nicht moralisieren: klar sagen, dass die Behandlung gleich ist, und den Patienten für seine Offenheit gewinnen.
Weiter im Gespräch (in der App):
Vegetative Anamnese (4 Gesprächszüge)
Vorerkrankungen (3 Gesprächszüge)
Voroperationen (1 Gesprächszüge)
Medikamente (2 Gesprächszüge)
Allergien (1 Gesprächszüge)
Noxen (4 Gesprächszüge)
Familienanamnese (2 Gesprächszüge)
Sozialanamnese (4 Gesprächszüge)
Teil 2: Patientenvorstellung
Vorstellung des Patienten
Ich stelle Ihnen Herrn Sven Kordes vor, einen 46-jährigen Patienten, 1,80 m groß und nach eigener Schätzung etwa 62 kg schwer, bei einem BMI von etwa 19,1 kg/m². Das Gewicht wurde geschätzt und ist bei der körperlichen Untersuchung zu bestätigen. Der Patient stellte sich heute in unserer Notaufnahme vor.
Wenn eine Angabe unsicher ist, sagen Sie das offen und kündigen Sie an, wie Sie sie bestätigen. Das ist stärker, als eine Zahl vorzutäuschen.
In der App folgen: Aktuelle Anamnese · Vorgeschichte · Verdachtsdiagnose · Differentialdiagnosen · Diagnostik · Therapie.
Teil 3: Prüferfragen
Was ist eine infektiöse Endokarditis?
Eine Entzündung der Herzinnenhaut, die vor allem die Herzklappen befällt. Erreger gelangen über die Blutbahn an die Klappe und bilden dort Vegetationen aus Fibrin, Thrombozyten und Bakterien. Folgen sind die Zerstörung der Klappe mit Insuffizienz und septische Embolien in andere Organe.
Welche Erreger erwarten Sie bei diesem Patienten?
Bei intravenösem Drogengebrauch führend Staphylococcus aureus, häufig die Trikuspidalklappe befallend. Weitere Erreger sind Streptokokken der Viridans-Gruppe, typischerweise nach zahnärztlichen Eingriffen, Enterokokken, koagulasenegative Staphylokokken bei Klappenprothesen sowie seltener die HACEK-Gruppe. Auch Candida kommt bei i. v. Drogengebrauch vor.
Der eine Satz, der zählt: Staph. aureus, Trikuspidalklappe, i. v. Drogengebrauch. Diese Verbindung wird geprüft.
Warum ist bei Drogengebrauch gerade die Trikuspidalklappe betroffen?
Weil das injizierte Material über die peripheren Venen in die obere oder untere Hohlvene, von dort in den rechten Vorhof und den rechten Ventrikel gelangt. Die Trikuspidalklappe ist damit die erste Klappe im Strombahnweg. Bei allen anderen Ursachen überwiegt der Befall der Mitral- und der Aortenklappe im linken Herzen.
Erzählen Sie es als Weg des Blutes. So können Sie es auch dann herleiten, wenn Sie es vergessen haben.
Weitere Fragen der Kommission zu diesem Fall (Antworten in der App):
Was sind Janeway-Läsionen und Osler-Knötchen?
Welche weiteren peripheren Zeichen kennen Sie?
Warum nehmen Sie drei Paar Blutkulturen ab, und warum vor dem Antibiotikum?
Welche Rolle spielt die Echokardiographie?
Kennen Sie die Duke-Kriterien?
Welche Komplikationen fürchten Sie?
Wie lange behandeln Sie, und warum so lange intravenös?
Wann muss operiert werden?
Wer bekommt eine Endokarditisprophylaxe, und wann?
Was ist eine Substitutionstherapie, und warum führen Sie sie im Krankenhaus fort?
Wie wird Hepatitis C übertragen, und ist sie behandelbar?
Wie sprechen Sie mit einem Patienten über seinen Drogenkonsum, ohne ihn zu verlieren?
Teil 4: Fachbegriffe zu diesem Fall
Deutsch
Fachsprache
Bereich
Herzinnenhautentzündung
Endokarditis
Diagnose
Herzinnenhaut
Endokard
Anatomie
Herzmuskel
Myokard
Anatomie
Herzbeutel
Perikard
Anatomie
Dreizipfelklappe
Trikuspidalklappe, Valva tricuspidalis
Anatomie
Zweizipfelklappe
Mitralklappe, Valva mitralis
Anatomie
Aortenklappe
Valva aortae
Anatomie
rechte Herzkammer
Ventriculus dexter
Anatomie
obere Hohlvene
Vena cava superior
Anatomie
Ellenbeuge
Fossa cubitalis
Anatomie
Milz
Lien, Splen
Anatomie
Nagelbett
Matrix unguis
Anatomie
Eiteransammlung in einer abgekapselten Höhle
Abszess
Diagnose
Blutvergiftung
Sepsis
Diagnose
Bakterien im Blut
Bakteriämie
Diagnose
Fieber
Pyrexie, Febris
Symptom
Schüttelfrost
Rigor
Symptom
Nachtschweiß
nächtliche Hyperhidrosis
Symptom
Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust
B-Symptomatik
Befund
Appetitlosigkeit
Inappetenz
Symptom
Muskelschmerzen
Myalgie
Symptom
Gelenkschmerzen
Arthralgie
Symptom
Abgeschlagenheit
Fatigue, Adynamie
Symptom
Rötung
Rubor
Befund
Überwärmung
Calor
Befund
Schwellung
Tumor
Befund
Schmerz
Dolor
Befund
gestörte Funktion
Functio laesa
Befund
schmerzlose Einblutungen an Handflächen und Fußsohlen
Janeway-Läsionen
Befund
schmerzhafte Knötchen an den Fingerkuppen
Osler-Knötchen
Befund
streifige Einblutung im Nagelbett
Splinterblutung
Befund
Netzhauteinblutung mit hellem Zentrum
Roth-Flecken
Befund
punktförmige Hauteinblutung
Petechie
Befund
Trommelschlägelfinger
Digiti hippocratici
Befund
Milzvergrößerung
Splenomegalie
Befund
Auflagerung auf der Herzklappe
Vegetation
Befund
Herzgeräusch
Souffle
Befund
Klappenundichtigkeit
Klappeninsuffizienz
Diagnose
Klappenverengung
Klappenstenose
Diagnose
verschlepptes Gerinnsel mit Erregern
septische Embolie
Diagnose
Nierenkörperchenentzündung
Glomerulonephritis
Diagnose
Leberentzündung
Hepatitis
Diagnose
Leberverhärtung mit bindegewebigem Umbau
Leberzirrhose
Diagnose
Blutkultur
Hämokultur
Untersuchung
Schluckechokardiographie
transösophageale Echokardiographie (TEE)
Untersuchung
Herzultraschall durch die Brustwand
transthorakale Echokardiographie (TTE)
Untersuchung
Empfindlichkeitsprüfung der Erreger
Antibiogramm
Untersuchung
eitrig
purulent
Befund
Eröffnung und Ableitung eines Abszesses
Inzision und Drainage
Therapie
Ersatztherapie bei Opioidabhängigkeit
Substitutionstherapie
Therapie
Entzugserscheinungen
Entzugssyndrom
Diagnose
Beikonsum neben der Substitution
Beigebrauch
Patientensprache
ohne festen Wohnsitz
wohnungslos
Patientensprache
über die Vene verabreicht
intravenös (i. v.)
Abkürzung
FSP Niedersachsen
Den ganzen Fall und alle weiteren gibt es in der App. Die App für die Fachsprachprüfung in Niedersachsen (Hannover): das Anamnesegespräch mit dem Anamnesebogen daneben, die Patientenvorstellung Block für Block, die Prüferfragen mit kurzen mündlichen Antworten und alle Fachbegriffe in beide Richtungen. Vollständig offline, ohne Konto, Einmalkauf ohne Abo.