Ein vollständiger Übungsfall für die Fachsprachprüfung: 34 Gesprächszüge im Anamnesegespräch, die Vorstellung vor der Kommission, 15 Prüferfragen und 60 Fachbegriffe. Hier die ersten Abschnitte zum Ausprobieren.
Teil 1: Anamnesegespräch
Links fragt die Ärztin, rechts antwortet der Patient. Darunter steht, was davon in den Anamnesebogen gehört.
Personalien
Ärztin/ArztGuten Tag, mein Name ist Dr. Yilmaz, ich bin die diensthabende Ärztin. Ich würde gern in Ruhe mit Ihnen sprechen. Wie heißen Sie bitte?
Patient/inMiriam Hansen. Ich weiß gar nicht, ob ich hier richtig bin. Es ist ja nichts Körperliches.
Ärztin/ArztSie sind hier genau richtig. Erschöpfung und Schlafstörungen sind ebenso ernst zu nehmen wie körperliche Beschwerden — und wir schauen uns beides an.
Miriam Hansen
Der Zweifel, ob man „richtig hier“ ist, ist typisch. Nehmen Sie ihn ihr sofort — sonst bleibt das Gespräch vorsichtig und Sie erfahren wenig.
Ärztin/ArztWann sind Sie geboren, und wie groß und schwer sind Sie?
Patient/in28. Januar 1982. 1,70 m. Und 58 Kilo — ich habe in den letzten Monaten sechs Kilo abgenommen.
geb. 28.01.1982, 43 Jahre; 1,70 m, 58,5 kg (BMI 20,2 kg/m²); Gewichtsverlust 6 kg in wenigen Monaten
Ein Gewichtsverlust von sechs Kilogramm gehört immer abgeklärt, auch wenn eine seelische Ursache naheliegt. Sagen Sie das später ausdrücklich.
Aktuelle Beschwerden
Ärztin/ArztWas führt Sie zu uns, Frau Hansen?
Patient/inIch bin völlig ausgebrannt. Seit Monaten. Ich komme morgens kaum aus dem Bett, und bei der Arbeit schaffe ich nichts mehr.
Aufnahmegrund: anhaltende Erschöpfung seit Monaten mit Leistungsminderung
Lassen Sie die Patientin ausreden und übersetzen Sie erst danach. „Ausgebrannt“ ist ihre Sprache — Fatigue und verminderte Leistungsfähigkeit ist Ihre.
Ärztin/ArztSeit wann genau geht das so?
Patient/inAngefangen hat es vor etwa einem Jahr, schleichend. In den letzten drei Monaten ist es viel schlimmer geworden.
seit ca. 1 Jahr schleichender Beginn, seit 3 Monaten deutlich progredient
Ärztin/ArztWie ist Ihr Schlaf?
Patient/inEinschlafen geht, aber ich wache um drei Uhr auf und liege dann wach und grüble. Morgens bin ich wie gerädert.
Durchschlafstörung mit Früherwachen gegen 3 Uhr, Grübeln, nicht erholsamer Schlaf
Das Früherwachen ist ein typisches Zeichen der Depression, nicht der reinen Erschöpfung. Halten Sie es genau fest — es lenkt die Diagnose.
Ärztin/ArztWann fühlen Sie sich am schlechtesten — morgens oder abends?
Patient/inMorgens ist es am schlimmsten. Abends geht es meistens besser.
Morgentief mit Besserung im Tagesverlauf
Das Morgentief ist ein weiteres Kennzeichen der depressiven Episode. Zusammen mit dem Früherwachen spricht es für eine sogenannte somatische Symptomatik.
Ärztin/ArztHaben Sie noch Freude an Dingen, die Ihnen früher wichtig waren?
Patient/inNein. Ich habe früher gemalt und gesungen. Jetzt lasse ich alles liegen. Es berührt mich nichts mehr.
Anhedonie und Interessenverlust
Anhedonie ist eines der drei Hauptsymptome der Depression. Fragen Sie sie immer ausdrücklich ab — Patienten nennen sie selten von selbst.
Ärztin/ArztWie ist Ihre Stimmung insgesamt?
Patient/inGedrückt. Manchmal leer, ich kann gar nicht weinen. Und ich mache mir ständig Vorwürfe, dass ich nichts mehr schaffe.
depressive Stimmung, Gefühl der Gefühllosigkeit, Insuffizienz- und Schuldgefühle
Das „Gefühl der Gefühllosigkeit“ ist ein charakteristischer Ausdruck der schweren Depression. Übernehmen Sie ihn in Ihre Dokumentation — er ist präziser als „traurig“.
Ärztin/ArztIch muss Sie etwas Persönliches fragen, das ich jedem stelle, dem es so geht: Denken Sie manchmal daran, dass Sie nicht mehr leben möchten?
Patient/inManchmal denke ich, es wäre einfacher, wenn ich nicht mehr aufwachen würde. Aber ich würde mir nichts tun — wegen meiner Kinder.
Ärztin/ArztDanke, dass Sie so offen antworten. Das ist wichtig für mich zu wissen. Haben Sie konkrete Gedanken, wie Sie es tun würden, oder etwas vorbereitet?
Patient/inNein, so weit ist es nicht.
passive Todeswünsche ohne konkrete Suizidgedanken, ohne Plan und Vorbereitung; Kinder als schützender Faktor
Die Frage nach Suizidalität muss gestellt werden — sie erhöht das Risiko nicht, sondern entlastet. Fragen Sie gestuft: Lebensüberdruss, Todeswunsch, konkrete Gedanken, Plan, Vorbereitung. Und fragen Sie nach schützenden Faktoren.
Ärztin/ArztKönnen Sie sich konzentrieren? Vergessen Sie Dinge?
Patient/inIch lese eine Seite dreimal und weiß hinterher nicht, was drinstand. Termine vergesse ich ständig.
Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörung
Bei einer 43-Jährigen ist das eine depressive Begleiterscheinung — die sogenannte Pseudodemenz. Bei älteren Menschen muss dagegen eine Demenz abgegrenzt werden.
Ärztin/ArztHaben Sie körperliche Beschwerden — Kopfschmerzen, Herzrasen, Magendrücken?
Patient/inAlles davon. Kopfschmerzen fast täglich, Herzrasen, Magendrücken, und der Rücken tut ständig weh.
Körperliche Beschwerden stehen bei der Depression oft im Vordergrund — das ist die larvierte Depression. Nehmen Sie sie ernst und schließen Sie organische Ursachen ab.
Ärztin/ArztErzählen Sie mir von Ihrer Arbeit.
Patient/inIch bin Pflegedienstleiterin. Seit der Umstrukturierung mache ich die Arbeit von zwei Leuten. Ständig Personalmangel, ständig Beschwerden. Ich nehme die Arbeit mit nach Hause, auch am Wochenende. Und ich habe das Gefühl, dass nichts davon etwas bringt.
chronische berufliche Überlastung: Pflegedienstleitung, Personalmangel, Arbeit ohne Erholungsphasen; erlebte Sinnlosigkeit
Das ist der Kern des Falls. Fragen Sie nach der Arbeitssituation so ausführlich wie sonst nach dem Schmerz — sie ist hier die Ursache und der Ansatzpunkt.
Ärztin/ArztWie erleben Sie die Menschen, mit denen Sie arbeiten?
Patient/inEhrlich gesagt gleichgültig. Früher war mir jeder Bewohner wichtig. Jetzt bin ich manchmal richtig gereizt und funktioniere nur noch.
Depersonalisation im beruflichen Kontakt, Zynismus und emotionale Distanzierung
Die drei Kerndimensionen des Burnouts sind emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und verminderte Leistungsfähigkeit. Alle drei liegen hier vor — nennen Sie sie in der Vorstellung.
Ärztin/ArztWaren Sie deswegen schon einmal krankgeschrieben oder in Behandlung?
Patient/inKrankgeschrieben nicht. Ich wollte die Kollegen nicht hängen lassen.
keine Arbeitsunfähigkeit trotz erheblicher Beschwerden; keine bisherige Behandlung
Weiterzuarbeiten trotz Erschöpfung — der sogenannte Präsentismus — ist bei Burnout typisch und verschlechtert den Verlauf. Sprechen Sie es an.
Weiter im Gespräch (in der App):
Vegetative Anamnese (4 Gesprächszüge)
Gynäkologische Anamnese (1 Gesprächszüge)
Vorerkrankungen (3 Gesprächszüge)
Voroperationen (1 Gesprächszüge)
Medikamente (2 Gesprächszüge)
Allergien / Unverträglichkeiten (1 Gesprächszüge)
Genussmittel / Drogen (2 Gesprächszüge)
Sozialanamnese (3 Gesprächszüge)
Familienanamnese (3 Gesprächszüge)
Teil 2: Patientenvorstellung
Vorstellung der Patientin
Ich stelle Ihnen Frau Miriam Hansen vor, eine 43-jährige Patientin, 1,70 m groß und 58,5 kg schwer, bei einem Body-Mass-Index von 20,2 kg/m². Sie stellte sich heute selbstständig in unserer Notaufnahme vor und äußerte zunächst Zweifel, ob sie mit ihren Beschwerden bei uns richtig sei.
Diesen Zweifel zu erwähnen, ist kein Beiwerk. Er zeigt, wie hoch die Schwelle war, überhaupt Hilfe zu suchen — und das gehört zur Beurteilung.
In der App folgen: Aktuelle Anamnese · Vorgeschichte · Verdachtsdiagnose · Differentialdiagnosen · Weitere Diagnostik · Therapievorschläge.
Teil 3: Prüferfragen
Was ist ein Burnout-Syndrom?
Ein Zustand chronischer Erschöpfung infolge anhaltender beruflicher Überlastung mit drei Kerndimensionen: emotionale Erschöpfung, Depersonalisation mit zynischer, distanzierter Haltung gegenüber Klienten oder Patienten, und verminderte Leistungsfähigkeit mit dem Gefühl der Wirkungslosigkeit. Wichtig: Burnout ist keine eigenständige Krankheitsdiagnose, sondern in der Internationalen Klassifikation als Z-Diagnose unter „Probleme der Lebensbewältigung“ geführt — es beschreibt einen berufsbezogenen Zustand. Häufig geht es in eine depressive Episode über, und diese ist dann die eigentliche Diagnose.
Der Satz, dass Burnout keine eigenständige Diagnose ist, wird gern geprüft. Er erklärt zugleich, warum Sie hier zusätzlich die Depression benennen.
Wie diagnostizieren Sie eine depressive Episode?
Nach der Internationalen Klassifikation über drei Hauptsymptome — gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit, Antriebsminderung — und sieben Zusatzsymptome: verminderte Konzentration, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, negative Zukunftsperspektive, Suizidgedanken, Schlafstörungen und Appetitminderung. Die Symptome müssen mindestens zwei Wochen bestehen. Leicht: zwei Haupt- und zwei Zusatzsymptome. Mittelgradig: zwei Haupt- und drei bis vier Zusatzsymptome. Schwer: alle drei Haupt- und mindestens vier Zusatzsymptome. Bei dieser Patientin liegen alle drei Hauptsymptome und mehrere Zusatzsymptome vor.
Die Zahlen — drei, sieben, zwei Wochen — sind das Gerüst. Wenden Sie die Einteilung anschließend auf Ihre Patientin an.
Was ist das somatische Syndrom?
Eine Gruppe von Symptomen, die auf eine biologisch geprägte Ausprägung der Depression hinweisen: Früherwachen mindestens zwei Stunden vor der gewohnten Zeit, ein Morgentief mit Besserung im Tagesverlauf, deutlicher Interessenverlust und Verlust der emotionalen Reagibilität, psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit, Appetitverlust mit Gewichtsabnahme von mehr als fünf Prozent innerhalb eines Monats und Libidoverlust. Bei dieser Patientin liegen Früherwachen, Morgentief, Anhedonie, Gewichtsverlust und Libidoverlust vor — das somatische Syndrom ist damit erfüllt.
Früherwachen und Morgentief sind die beiden Symptome, die am zuverlässigsten unterscheiden. Sie machen aus einer Erschöpfung eine Depression.
Weitere Fragen der Kommission zu diesem Fall (Antworten in der App):
Wie fragen Sie nach Suizidalität?
Wann weisen Sie stationär ein?
Welche organischen Ursachen schließen Sie aus?
Was ist ein psychopathologischer Befund?
Wie behandeln Sie eine mittelgradige depressive Episode?
Was müssen Sie bei Antidepressiva beachten?
Was raten Sie zur Arbeitssituation?
Die Patientin fragt, ob sie verrückt ist. Was antworten Sie?
Sie fürchtet, dass der Arbeitgeber davon erfährt. Was sagen Sie?
Welche Bedeutung hat der abendliche Alkoholkonsum?
Wie ist die Prognose?
Was raten Sie zur Vorbeugung?
Teil 4: Fachbegriffe zu diesem Fall
Deutsch
Fachsprache
Bereich
Ausgebranntsein durch dauerhafte Überlastung
Burnout-Syndrom
Diagnose
Schwermut, Niedergeschlagenheit
Depression
Diagnose
Verlust der Freude an allem
Anhedonie
Symptom
Antriebsminderung
Antriebsstörung
Symptom
Gefühl, nichts mehr wert zu sein
Insuffizienzgefühl
Symptom
innere Leere, Unfähigkeit zu fühlen
Gefühl der Gefühllosigkeit
Symptom
innerliche Distanzierung von anderen Menschen
Depersonalisation
Symptom
Schlaflosigkeit
Insomnie
Symptom
vorzeitiges Aufwachen in den frühen Morgenstunden
Früherwachen
Symptom
Stimmungstief am Morgen
Morgentief
Symptom
körperlich betonte Ausprägung der Depression
somatisches Syndrom
Diagnose
Depression mit vorwiegend körperlichen Beschwerden
larvierte Depression
Diagnose
Verlangsamung von Denken und Bewegung
psychomotorische Hemmung
Befund
unruhige Getriebenheit
Agitiertheit
Befund
Gedächtnisstörung als Folge der Depression
depressive Pseudodemenz
Diagnose
Verlust des sexuellen Verlangens
Libidoverlust
Symptom
Selbsttötungsgedanken
Suizidalität
Symptom
Erkrankung mit abwechselnd depressiven und manischen Phasen
bipolare Störung
Diagnose
übersteigert gehobene Stimmung mit Antriebssteigerung
Manie
Diagnose
Reaktion auf eine belastende Lebensveränderung
Anpassungsstörung
Diagnose
Folgestörung nach einem schweren Trauma
posttraumatische Belastungsstörung
Diagnose
krankhafte Angst
Angststörung
Diagnose
Beschreibung des psychischen Zustands
psychopathologischer Befund
Untersuchung
Störung des Denkablaufs
formale Denkstörung
Befund
unkorrigierbare falsche Überzeugung
Wahn
Befund
Sinneswahrnehmung ohne äußeren Reiz
Halluzination
Befund
Erstarrung mit Bewegungslosigkeit
Stupor
Befund
Fragebogen zur Erfassung depressiver Symptome
PHQ-9
Untersuchung
Fragebogen zur Erfassung von Burnout
Maslach-Burnout-Inventar
Untersuchung
Gesprächsbehandlung seelischer Erkrankungen
Psychotherapie
Therapie
Therapieform mit Änderung von Denk- und Verhaltensmustern
kognitive Verhaltenstherapie
Therapie
stimmungsaufhellendes Medikament
Antidepressivum
Pharmakologie
Antidepressivum der ersten Wahl
selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
Pharmakologie
gefährliche Überaktivierung durch Serotonin
Serotonin-Syndrom
Diagnose
Botenstoff im Gehirn
Serotonin
Pharmakologie
Natriummangel im Blut
Hyponatriämie
Diagnose
Beruhigungsmittel mit Abhängigkeitspotenzial
Benzodiazepin
Pharmakologie
Regeln für gesunden Schlaf
Schlafhygiene
Therapie
Entspannungsverfahren mit An- und Entspannen der Muskeln
progressive Muskelrelaxation
Therapie
psychosomatische Anschlussheilbehandlung
psychosomatische Rehabilitation
Therapie
schrittweise Rückkehr in den Beruf
stufenweise Wiedereingliederung
Therapie
Arzt für Arbeitsmedizin im Betrieb
Betriebsarzt
Kommunikation
ärztliche Schweigepflicht
Schweigepflicht
Kommunikation
Bescheinigung über die Arbeitsunfähigkeit
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung
Kommunikation
Gesetz zur Unterbringung psychisch Kranker
PsychKG
Abkürzung
Beratung von Berufsgruppen über belastende Fälle
Supervision
Kommunikation
Schilddrüsenunterfunktion
Hypothyreose
Diagnose
Kälteempfindlichkeit
Kälteintoleranz
Symptom
Verstopfung
Obstipation
Symptom
Blutarmut
Anämie
Diagnose
Speicherform des Eisens im Blut
Ferritin
Untersuchung
Unterfunktion der Nebennierenrinde
Nebenniereninsuffizienz
Diagnose
mittleres Volumen der roten Blutkörperchen
MCV
Abkürzung
Laborwert zur Erfassung chronischen Alkoholkonsums
CDT
Abkürzung
Alkoholabhängigkeit
Alkoholabusus
Diagnose
Behandlung der eigenen Beschwerden ohne ärztlichen Rat
Selbstmedikation
Kommunikation
Migränemittel
Triptan
Pharmakologie
Kaiserschnitt
Sectio caesarea
Therapie
Depression nach der Geburt
postpartale Depression
Diagnose
chronisches Erschöpfungssyndrom
Chronic-Fatigue-Syndrom
Diagnose
FSP Düsseldorf
Den ganzen Fall und alle weiteren gibt es in der App. Die App für die Fachsprachprüfung bei der Ärztekammer Nordrhein (Düsseldorf): das Anamnesegespräch mit dem Anamnesebogen daneben, die Patientenvorstellung Block für Block, die Prüferfragen mit kurzen mündlichen Antworten und alle Fachbegriffe in beide Richtungen. Vollständig offline, ohne Konto, Einmalkauf ohne Abo.